Prof. Dr. Rita Süssmuth: Pilotprojekt ZMI muss Signalwirkung haben

Prof. Dr. Rita Süssmuth lässt sich in türkischer Sprache vorlesen (c) Lernen vor Ort
Unter dem Motto "Mehr Sprache(n) für Köln" hatte das Kölner Zentrum für Mehrsprachigkeit und Integration (ZMI) am 26. Januar 2011 wieder zum traditionellen Sprachfest ins Kölner Rathaus eingeladen. Mehr als 300 Besucher tummelten sich ab 14 Uhr auf dem "Markt der Möglichkeiten", auf dem 16 Institutionen, Projekte und Initiativen ihre Arbeit im Bereich Integration und Mehrsprachigkeit "interaktiv" vorstellten.
Ausprobieren und Mitmachen war gefragt: So konnte man beispielsweise den Wetterbericht in verschiedenen Sprachen aus Kindermund hören, sich darin versuchen, Sätze verschiedener Sprachen einander zuzuordnen oder bei der Aktion "Wo drückt der Schuh" seine Wünsche auf einem über- dimensionalen Pappschuh niederschreiben.
Gastrednerin der Veranstaltung war Prof. Dr. Rita Süssmuth, Bundestagspräsidentin a.D., die zuvor mit dem Team der Geschäftsführung des ZMI - Rosella Benati, Axel Bitterlich und Dr. Beate Blüggel - einen Rundgang durch die Stände unternahm. Frau Süssmuth zeigte sich sehr beeindruckt von der Vielfalt der Programme und Netzwerke im Bereich Sprachförderung und Förderung der Mehr- sprachigkeit in Köln.
Der interaktive "Markt der Möglichkeiten" kam beim Publikum gut an

(c) Lernen vor Ort
Für das leibliche Wohl der Kinder und Erwachsenen an den Ständen sowie der Besucher sorgte die Schülerfirma "Mahlzeit" der Städtischen Förderschule Lernen Martin-Köllen-Straße in Kalk.
Pünktlich um 15 Uhr eröffnete der Frauenchor "Tsaziken" mehrsprachig musikalisch den Vortrags- und Diskussionsteil des Sprachfestes. Durch das Programm des Festaktes führte die Journalistin Ferdos Forudastan, die Begrüßungsworte sprach Elfi Scho-Antwerpes, Bürgermeisterin der Stadt Köln. Im Anschluss hielt Prof. Dr. Rita Süssmuth ihren Vortrag, bei dem sie das Motto der Veranstaltung "Mehr Sprache(n) für Köln" aufgriff.
"Warum ist das Recht auf muttersprachliche Bildung kein Menschenrecht?" fragte sie und wurde vom Publikum mit Applaus begleitet. Dass Sprache Macht sei, so Süssmuth, sehe man daran, dass Diktaturen immer zuerst die Sprache der Minderheiten verbieten.

(c) LRNK
Sie gratulierte Köln zu dem "großartigen Pilotprojekt ZMI", von dem sie hoffe, dass es auch zum Signal für andere werde, in Kita und Schule die natürliche Mehr- sprachigkeit der Kinder systematisch zu fördern und die hierzu nötige Aus- und Fortbildung der Vermittelnden zu unterstützen. Wichtig sei, so Süssmuth, dass Menschen mit Zuwanderungsgeschichte erfahren, dass ihre Sprache im Aufnahmeland wertgeschätzt wird.
An der abschließenden Podiumsdiskussion mit Frau Süssmuth nahmen Gabriele Hammelrath, Leiterin der Amtes für Weiterbildung der Stadt Köln, Manfred Höhne von der Bezirksregierung Köln und Prof. Dr. Thomas Kaul von der Universität zu Köln als Vertreter der drei im ZMI kooperierenden Einrichtungen teil.
Man war sich einig darüber, dass hinsichtlich der Mehrsprachigkeits- förderung, wie sie in unserer multikulturellen Gesellschaft angemessen wäre, noch viel zu tun ist: es fehlt am Geld für ausreichende Stundenkontingente in den Integrationskursen und der Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher, erst heute werden die Lehramtsstudierenden aller Schulformen in "Deutsch als Zweitsprache" verpflichtend ausgebildet. Ein weiteres Defizit sei zudem, dass sowohl deutsche Eltern als auch Eltern mit Zuwanderungsgeschichte bislang nicht ausreichend eingebunden werden, wenn es um die Sprachförderung ihrer Kinder geht.